Begleitung von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus

Wenn besondere Bedürfnisse auf den Klinikalltag treffen

Seit November 2022 ist die Begleitung von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus gesetzlich geregelt:

  • Erfolgt die Begleitung durch Angehörige oder enge Freunde, haben diese Anspruch auf Krankengeld gegen ihre Krankenkasse und auf Arbeitsfreistellung gegen ihren Arbeitgeber Voraussetzung ist allerdings, dass der Betreuungsbedarf mindestens 8 Stunden beträgt.
  • Begleiten Mitarbeitende eines Leistungserbringers (in unserem Fall wäre das die Lebenshilfe), bekommt der Leistungserbringer (ein Mitarbeitender der Lebenshilfe) seine Aufwendungen vom Träger der Eingliederungshilfe erstattet (dem zuständigen Bezirk) – allerdings ohne die einschränkende Voraussetzung von mindestens 8 Stunden Betreuungsbedarf.
  • Derzeit scheitert die Begleitung durch Mitarbeitende von besonderen Wohnformen oder Diensten noch allzu häufig am fehlenden Personal, da die Leistung bisher nur vereinzelt in den Verträgen zwischen Bezirk und Leistungserbringern (Lebenshilfe) verankert wurde.
  • In der Neuregelung der Krankenhausbegleitung ist die Erbringung von Pflege nicht Teil der Begleitungsleistung. Lassen Menschen mit Behinderung Pflege nicht durch fremde Personen zu, könnte es zu Versorgungsdefiziten kommen. Begleitpersonen sollten daher in Einzelfällen auch einfache Pflegemaßnahmen übernehmen dürfen.

Meine 35-jährige Tochter Charlotte ist aufgrund einer Frühgeburt geistig und körperlich behindert, kann nicht sprechen und hat den Pflegegrad 5. Sie musste sich im letzten Jahr in einer Münchner Fachklinik einer Hüft-OP unterziehen und es war für mich selbstverständlich, dass ich sie begleiten werde. Die Voruntersuchungen liefen problemlos, ein Termin war gefunden und für den Chefarzt war es nachvollziehbar, dass ich meine Tochter begleite. Der Krankenkasse habe ich die ärztliche Bestätigung vorgelegt, und der positive Bescheid kam prompt – auch an die Klinik.

Ein Tag vor dem OP-Termin reisten wir beide zur vereinbarten Stunde in der Klinik an. Großes Erstaunen bei der Stationsleitung: „Was, Sie wollen auch dableiben? Das wusste ich nicht.“ Offensichtlich war die Information nicht bei ihr angekommen, auch nicht über die Behinderung meiner Tochter. Sie hat sich sehr bemüht, alles noch zu organisieren, nur war in der Verwaltung am späten Nachmittag niemand mehr ansprechbar.
Schnell waren wir uns erst einmal selbst überlassen.

Vorab hatte ich telefonisch mitgeteilt, dass meine Tochter nur Beikost essen kann. Auch diese Info hat die Station nicht erhalten. Wie immer hatte ich eine Notreserve im Gepäck. Charlotte bekam dann in den nächsten Tagen immer das gleiche Essen: Griesbrei, Apfelmus, Suppe, Kartoffelbrei mit Sauce.
Ein Pfleger brachte mir netterweise ein Abendessen, was in den folgenden Tagen ein durchgehendes Problem war: keine Patientenakte – kein Essen. Manchmal war eines für mich übrig oder ich habe mich in der Cafeteria versorgt. Dieses Problem konnte bis zu unserer Entlassung nicht gelöst werden.
Lotte liebt es sehr, Hörbücher und Musik zu hören und wir haben ihr Tablet mit neuen Geschichten und Liedern bestückt.
Aber: kein WLAN für Patienten auf dieser Station!! Eine vorbeieilende Mitarbeiterin erklärte knapp: „Geht nicht, Klinik wird umgebaut.“ Nach einigem Hin und Her und Unterstützung von außen konnte sie dann über mein Handy ihre Geschichten hören und in letzter Minute konnte ich noch den Fernseher für uns anmelden.

Dann musste ein Bettgitter gesucht und angebracht werden und ich bekam letztendlich auch ein Bett in unser Zimmer gerollt.
Schnauf, erst mal angekommen.

Kaum eingeschlafen, kam gegen Mitternacht die diensthabende Ärztin, um nochmals Blut abzunehmen, da die Blutgruppe nicht bestimmt worden war. Lotte ist ein sehr geduldiges Mädel und hat es über sich ergehen lassen. Die sehr nette Ärztin hat mit mir noch ein ausführliches Elterngespräch über „Frühchen“ geführt (sie hatte selbst ein frühgeborenes Kind) und gegen 24 Uhr sind wir dann endlich wieder eingeschlafen.
Lotte war die erste auf dem OP-Plan des nächsten Tages und ich wollte sie davor noch kurz duschen. Fehlanzeige – Dusche funktionierte nicht.
Ich durfte meine Tochter in den OP begleiten. Dort nahm sie ein sehr herzliches und humorvolles Team in Empfang und nahm ihr die Angst. Die Operation verlief sehr gut: Nach knapp zwei Stunden war ich bereits bei ihr im Aufwachraum, gegen Mittag waren wir wieder auf der Station. An dieser Stelle ein Lob an die behandelnden Ärzte: Alles verlief problemlos, und der Umgang mit Lotte war von großer Herzlichkeit geprägt.

Zu den Stationsmitarbeitenden hatte ich wenig Kontakt, außer bei den routinemäßigen Kontrollen wie Blutdruck/Fiebermessen etc. Die Pflege wurde komplett von mir übernommen. Charlotte ist eine sehr fröhliche junge Frau und dennoch habe ich die „Scheu“ ihr und mir gegenüber wahrgenommen. Und die Pflegenden waren verständlicherweise erleichtert, sich nicht um meine Tochter kümmern zu müssen. In den 5 Tagen habe ich kaum eine Pflegeperson mehr als einmal gesehen. Sie waren alle sehr freundlich, aber den vielen Mitarbeitenden ohne gute Deutschkenntnisse konnte ich oft nur schwer erklären, was wir brauchten. Das Lotte keine unzerkauten Medikamente zu sich nehmen kann. Oder: die Physiotherapeutin empfiehlt ein Lagerungskissen, das dann nicht gefunden wurde… die Erhöhung des Toilettensitzes konnte nicht abgenommen werden, da fest verschraubt. Lotte ist nur 152 cm groß, die normale Sitzhöhe hätte gereicht. Es blieb nur Inkontinenzmaterial oder der Gang zu einer Toilette auf dem Flur – mit der frisch operierten Tochter nicht machbar. Diese Station „Orthopädie“ (jetzt wohl im Umbau begriffen) war zu diesem Zeitpunkt absolut nicht barrierefrei.

Am nächsten Morgen besuchte uns ein Physiotherapeut, der auch nicht auf Lottes Behinderung vorbereitet war. Was tun, wenn sie nicht an Krücken gehen kann und auch nicht an einem Gehwagen mit Unterarmstützen? Erst mal nicht viel. Eine Kollegin, die am nächsten Tag kam, war dann schon etwas beherzter und hat Lotte mobilisiert und mir wertvolle Tipps gegeben.
Letztendlich hat ein großes Kommunikationsproblem innerhalb der Klinik unseren Aufenthalt erschwert. Es war wohl nicht alltäglich, zumindest in dieser Klinik, dass Menschen mit Behinderung von Angehörigen begleitet werden.

Ich mag mir nicht vorstellen, wie der Klinikaufenthalt ohne meine Begleitung abgelaufen wäre. Das Pflegepersonal hat weder die Zeit noch die Ausbildung sich intensiver mit den Wünschen und Bedürfnissen von Menschen mit kognitiven Einschränkungen, über die Routine hinaus, auseinanderzusetzen. Dies betrifft genauso ältere, hilflose Menschen, die ohne Begleitung in Kliniken allein gelassen sind.
Mir bleibt die Hoffnung, dass ich noch lange fit bleibe, um meine Tochter unter Umständen wieder begleiten zu können oder sich Menschen aus ihrem Umfeld finden, die ihr dann zur Seite stehen. Die Begleitung im Krankenhaus für Menschen mit Behinderung ist zwar in Ansätzen geregelt, aber noch lange nicht in den Strukturen der Krankenhäuser umgesetzt.

Das Duschproblem konnte leider nicht gelöst werden, mir wurde angeboten in einem anderen Patientenzimmer zu duschen. Hurra!

© Lebenshilfe München e.V.

Jetzt Spenden und Gutes tun – Ihre Hilfe zählt!
Jetzt Spenden und Gutes tun – Ihre Hilfe zählt!

Weitere Beiträge

Schule für alle – auch wenn es schwierig wird

Kinder mit geistiger Behinderung, herausforderndem Verhalten – Schulen am Limit, der Staat in der Verantwortung.

Mehr erfahren
Aktiv sein. Teilhaben. Selbstvertrauen gewinnen.

Freizeit und Sport für Menschen mit Beeinträchtigungen

Mehr erfahren