Wir blicken noch mal zurück auf den 13.03.2026, an dem wir etwas gefeiert haben, das für viele Familien leise beginnt und doch Großes bewirkt: 50 Jahre Frühförderung bei der Lebenshilfe München. Fünf Jahrzehnte, in denen wir Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen und ihre Familien begleiten – in einer Lebensphase, die oft alles auf einmal ist: zart und herausfordernd, voller Fragen, manchmal voller Sorge und gleichzeitig voller Hoffnung.
Ich schreibe diesen Beitrag aus einer doppelten Perspektive: als Organisatorin dieses Jubiläums und als langjährige Mitarbeiterin in der Frühförderung. Ich weiß, wie viel Herz, Fachlichkeit und Koordination hinter dem steckt, was nach außen manchmal „nur“ wie ein Termin wirkt.
Ein Gänsehautmoment, der bleibt
Einer der berührendsten Momente des Tages entstand aus etwas, das so schlicht ist – und doch so viel sagt: Als Vorstand und Geschäftsführer Johannes Räpple einen Vortrag über die Historie der Frühförderung bei der Lebenshilfe München hielt, bat er die Frühförderleitungen und ihre Teams, sich zu zeigen und aufzustehen. Was dann kam, war mehr als höflicher Applaus: langer, warmer, ehrlicher Beifall.
In diesem Moment lag so viel Anerkennung für eine Arbeit, die häufig im Hintergrund stattfindet, die man selten auf Titelseiten sieht – die aber für viele Familien den Unterschied macht zwischen „Wir sind allein“ und „Wir schaffen das“.
Der ganze Tag hatte genau diesen Ton: Wertschätzung für unsere Frühförder-„Superwomen“ und für all die Menschen, die jeden Tag mit ihnen unterwegs sind.
Superwoman als Symbol: sichtbar gemacht, was sonst unsichtbar bleibt
Direkt nach dem Applaus folgte ein Highlight aus der Präsentation: das Bild einer Frühförder-Fachkraft, dargestellt wie eine Superwoman. Humorvoll – ja. Vor allem aber: treffend.
Denn Frühförderung ist nicht nur das Gespräch oder die Förderung am Kind. Frühförderung ist so viel mehr. Zum Beispiel PKW-Beauftragte (Sich ein Auto organisieren und den Reifendruck prüfen gehört dazu), Packesel (Material, Spielideen, Dokumente – alles muss mit), Dolmetscherin zwischen Fachsprache und dem, was Eltern wirklich brauchen, Organisationsprofi für Planung, Abstimmung und Dokumentation – und vor allem: ein Mensch mit Herz.
Viele Kolleginnen haben mir danach gesagt, wie gut es tat, sich so alltagsnah gesehen zu fühlen.
Und natürlich steckt hinter den interdisziplinären Teams weit mehr als die direkte Arbeit in den Familien: Einrichtungsleitungen und Stellvertretungen, Verwaltung, Psychologinnen, Heilpädagoginnen, Sprachtherapeutinnen und Logopädinnen, Ergotherapeutinnen und Physiotherapeutinnen – und viele weitere, die dafür sorgen, dass Unterstützung überhaupt ankommen kann.
Fachlicher Input, der nachwirkt: „Elternschaft 2.0“
Ein inhaltlicher Schwerpunkt der Jubiläumsfeier war der Vortrag von Dr. med. Nikolaus von Hofacker „Elternschaft 2.0 – Zwischen Bindungsorientierung und elterlichem Burnout.“
Der Kinderarzt, der auch Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeut ist, beschrieb sehr klar, was wir in der Praxis täglich erleben: Eltern wollen heute unglaublich viel richtig machen. Sie sind informiert, reflektiert, bindungsorientiert – und gleichzeitig unter Druck. Häufig fehlt es an Entlastung, an realistischen Erwartungen und an tragfähigen Netzen.
Besonders wichtig war auch der Blick auf die ersten Lebensjahre: Entwicklung ist in dieser Zeit besonders gut beeinflussbar – und zugleich besonders verletzlich.
Aus einem kleinen Team wurde ein starkes System
Wenn ich auf unsere Geschichte schaue, macht mich das sehr demütig: 1975 sind wir mit einem kleinen Team gestartet. Heute gibt es 5 Frühförderstellen und wir begleiten mit rund 110 Mitarbeiterinnen jährlich über 1.000 Kinder – und damit auch über 1.000 Familien. Denn Frühförderung ist konsequent familienorientiert.
Was über all die Jahre gleich geblieben ist, ist der Kern unserer Arbeit: Wir schauen nicht nur aufs Kind, sondern auf das ganze Familiensystem. Wir fördern Entwicklung, wir entlasten, wir sortieren mit, wir bauen Brücken – und wir bleiben an der Seite der Familien, wenn es unübersichtlich wird.
Gleichzeitig wurde an diesem Jubiläum sehr deutlich, wie stark sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Ein Beispiel ist der Ort: Frühförderung findet schon immer dort statt, wo Kinder sind. In den Anfangsjahren bedeutete das vor allem, dass unsere Teams sich auf den Weg zu den Familien machten. Heute finden 70–80 Prozent der Frühförderung in Kitas und Kindergärten statt – nah am Alltag der Kinder und im Austausch mit den Menschen, die sie täglich begleiten.
Und auch die Themen verändern sich: Autismus-Spektrum, sozial-emotionale Herausforderungen und komplexe Belastungen in Familien sind heute sehr viel häufiger Teil unserer Arbeit – und verlangen nach enger Vernetzung, hoher Fachlichkeit und tragfähigen Strukturen.
„Eine Kraftquelle“: wenn Eltern erzählen
Ein besonders wertvoller Programmpunkt war das moderierte Gespräch „Gemeinsam das Morgen formen – Eltern und Frühförderung im Dialog“. Zwei Mitarbeiterinnen aus der Frühförderung Sendling-Westpark, Carmen Nugent und Charlotte Laule, sprachen mit einer Mutter, deren Tochter in der Frühförderung begleitet wurde, über ihre Erfahrungen.
Die Mutter sagte: „Der Kontakt mit den Frühförderinnen war eine Kraftquelle für mich. In vielen Gesprächen – auch neben der Therapie – und in der Phase, in der man eine Diagnose erst einmal verarbeiten muss, wurden wir sehr aufgefangen.“
Solche Sätze erinnern mich jedes Mal daran, warum unsere Arbeit wirkt: weil sie nicht nur Methoden anbietet, sondern Beziehung. Weil sie nicht nur „fördert“, sondern Familien stärkt.
Politische Stimmen: frühe Unterstützung als gemeinsame Aufgabe
Wir haben uns sehr gefreut, dass auch Politikerinnen an der Jubiläumsfeier teilgenommen haben. Barbara Likus, Stadträtin der SPD, brachte in einem Statement etwas Entscheidendes auf den Punkt: „Manchmal ist es im Kindergarten schon total schwierig, wenn ein Kind ein Förderdefizit hat. Und mit ihnen gemeinsam können Eltern da durchkommen – und es schaffen.“
Sie betonte, wie wichtig unsere Arbeit ist, weil Frühförderung Familien einen Weg zeigen kann: gemeinsam mit uns und gemeinsam mit den unterschiedlichen Unterstützungsangeboten, die es in München gibt – durch eine herausfordernde, druck- und stressauslösende Situation hindurch.
Ergänzt wurde das durch ein Videogrußwort von Kuratoriumsmitglied und stellv. Vorsitzende des Ausschusses für Staatshaushalt und Finanzfragen im Landtag, Claudia Köhler, die sich ebenfalls herzlich für die Arbeit der Frühförderteams bedankte und die Bedeutung früher, familienorientierter Unterstützung unterstrich. Diese Rückmeldungen waren für viele Kolleginnen ein wichtiges Signal: Frühförderung ist kein Randthema, sondern ein zentraler Baustein früher Teilha-be und Familienunterstützung.
Kleinigkeiten, die große Wirkung hatten
„Ihr habt das richtig toll gemacht. Ich habe mich so wertgeschätzt gefühlt. Die Reden waren hochspannend. Aber auch so viele Kleinigkeiten haben diesen Tag so wunderbar gemacht“, schwärmte eine Kollegin.
Und ja: Genau das war spürbar. Liebevoll gedeckte Tische, Aufsteller mit Informationen zur Frühförderung, kleine Aufmerksamkeiten wie Lebenshilfe-München-Kekse und weitere liebevolle Details. In der Mittagspause – bei schönem Wetter – entstand Raum für das, was im Alltag oft zu kurz kommt: ausgiebige Gespräche, Wiedersehen, Austausch über Standorte und Professionen hinweg.
Leckeren Kaffee bekamen wir von der Lebenshilfe Werkstatt Rösterei „Moccasola“. Und auch kulinarisch wurden wir von der Lebenshilfe Werkstatt versorgt – unter anderem mit veganem Gulasch, veganem Bohneneintopf und Nudelsalat. Es war nicht „nur Verpflegung“, sondern ein Teil dieses wertschätzenden Rahmens: gut organisiert, freundlich, verbindend.
Musik, die zeigt, wie Miteinander geht
Ein musikalisches Highlight gab es ebenfalls: die inklusive Band der Lebenshilfe „The Orchestra Extrange“ und machte vor, wie Miteinander geht: lebendig, selbstverständlich und mit viel Freude. Untermalt von der Musik klang die Jubiläumsfeier aus.
Was dieser Tag gezeigt hat: gemeinsam können wir
Hinter dieser Veranstaltung steckte eine monatelange Planung von fünf Frühförderleitungen, mehreren Mitarbeiterinnen, dem Veranstaltungs- und Öffentlichkeitsarbeitsteam sowie Vorständen und Geschäftsführung. Auch diese gelungene Jubiläumsfeier hat wieder gezeigt, was wir erreichen können, wenn viele zusammenarbeiten: gemeinsam.
Wir danken allen Mitarbeiterinnen der letzten 50 Jahre, allen Kooperationspraxen und Unterstützer*innen, die unsere Arbeit mittragen, und natürlich dem gesamten Organisationsteam für diesen besonderen Jubiläumstag.
Und wir wünschen uns, dass Frühförderung auch außerhalb von Jubiläen genau das bekommt, was sie an diesem Tag so deutlich gespiegelt hat: Sichtbarkeit, Anerkennung – und verlässliche Bedingungen, damit Familien weiterhin sagen können: „Wir sind nicht allein.“
Justina Aksak
Frühförderstelle Giesing und Öffentlichkeitsarbeit









