Alleinerziehend mit einem besonderen Kind

Eine Geschichte von Stärke, Liebe und Mut

Das Leben schreibt Geschichten, die uns bis an unsere Grenzen bringen – und manchmal darüber hinaus. Meine Geschichte als alleinerziehende Mutter eines Kindes mit Behinderung ist eine davon.
Nun, 20 Jahre später, da meine Tochter bald ausziehen wird, schaue ich zurück und denke: Meine Güte, wie oft dachte ich, „das schaffst du nicht mehr“. Und was soll ich sagen? Ich bin noch hier. Unendlich viel stärker, mutiger und selbstbewusster. Auch wenn der kleine Selbstzweifel-Gollum manchmal an meine Schulter klopft, schubse ich ihn weg, klopfe mir selbst auf die Schulter und sage laut und deutlich: „Ich bin so stolz auf mich! Ich habe es bis hierher geschafft – was soll mich jetzt noch aufhalten!?“
Natürlich gab es unzählige Momente, in denen alles zu viel war. Keine Betreuungsmöglichkeiten, kein Kita-Platz, keine Hilfe.
Geh mal zu einem Vorstellungsgespräch und sage deinem zukünftigen Chef: „Ich bin alleinerziehend, mein Kind hat eine Behinderung, ich werde voraussichtlich häufig die Betreuung selbst übernehmen müssen und auch stationäre Krankenhausaufenthalte begleiten.“ Die Chancen, mit dieser Ehrlichkeit den Job zu bekommen? Null. Also habe ich geschwindelt. Und ich bereue es nicht, denn ich habe den Job bis heute – mit einem Chef, der immer Verständnis zeigt, wenn ich zwischen ein paar Tagen oder auch mehreren Wochen mit meiner Tochter im Krankenhaus war. Es gab niemanden, mit dem ich mich hätte abwechseln können. Die Anstrengung war enorm. Das sah man mir sicher auch gelegentlich an – ein Wischmopp hatte manchmal die bessere Frisur.

Aber was soll’s. Ich habe überlebt!
Ich habe Lösungen gefunden, weil es keine Alternative gab. Wir Alleinerziehenden dürfen stolz darauf sein, uns als Problemlöser und innovative DenkerInnen zu sehen. Wir finden für jede Widrigkeit einen Weg – weil wir müssen.

Die größten Herausforderungen waren die Operationen meiner Tochter. Das stundenlange Warten, die Angst vor irreversiblen Schäden – und niemand, der meine Hand hält.
Die Ablehnung in der Kita, weil mein Kind durch die epileptischen Anfälle müde war und Schlaf brauchte, eine Kündigung selbst in der HPT – „nicht tragbar für die Gruppe“. Jeder Rückschlag ein Stich ins Herz. Auch die Kommentare von außen: „Ach, so schlimm ist das doch alles nicht, du musst nur positiv denken.“ Oder: „Also ich könnte das nicht, ich weiß gar nicht, wie du das schaffst.“
Ich bin mir immer noch nicht sicher, welche Aussage die schlimmere ist. Wie viel hilfreicher wäre da ein ehrliches: „Wenn du Hilfe brauchst, ich bin für euch da.“
Alleinsein heißt auch, diese Last allein zu tragen – ohne zweite Meinung, ohne Wochenend-Papa, ohne jemanden, der Entscheidungen mitträgt. Das macht einsam, aber es macht auch klar: Jede Entscheidung, die ich treffe, ist meine – bewusst, verantwortungsvoll, für mein Kind.

Trotz aller traurigen, erschöpfenden Momente haben wir nie das Lachen verloren. Humor als Überlebensstrategie. Als ich einmal völlig am Ende war, sagte meine Tochter zu mir: „Mama, du wolltest mich, jetzt hast du mich!“ Zack – das saß, und gleichzeitig brachte es mich zum Lächeln. Auch die Gemeinschaft mit anderen Eltern, die ich in Krankenhäusern kennenlernte, hat mich getragen. Wir verstehen uns ohne viele Worte, wissen, was der andere durchmacht. Diese Verbundenheit ist eine stille Stärke.

Tag für Tag schaffen wir das Undenkbare. Wir jonglieren mit Arztterminen, Therapien, emotionalen Herausforderungen, Krankenhausaufenthalten und dem ganz normalen Alltag. Wir stemmen Nächte voller Sorgen und Tage, die eigentlich zu viele Stunden bräuchten. Wir zerbrechen fast – und stehen doch wieder auf. Es ist ein Marathon, kein Sprint.
20 Jahre bedingungslose Liebe – und das Fazit? Ich kämpfe, weil Aufgeben keine Option ist. Wir, alleinerziehende Eltern von Kindern mit Behinderung, verdienen Respekt, Sichtbarkeit und Unterstützung. Unsere Geschichten sind nicht nur Geschichten von Last, sondern auch von Stärke, Mut und Liebe. Meine Geschichte ist nur eine von vielen.

Es gibt unzählige alleinerziehende Eltern, die Tag für Tag Unglaubliches leisten. Wir verdienen nicht nur Verständnis, sondern vor allem Wertschätzung und Anerkennung. Es ist wichtig, die Leistungen alleinerziehender Eltern sichtbar zu machen und uns die Unterstützung zu geben, die wir so dringend benötigen.
Wir fallen, wir stehen auf, wir lieben und kämpfen – und in den Augen unserer Kinder sind wir Helden, jetzt und für immer.

Nicole Ziegler

© Lebenshilfe München e.V.

Jetzt Spenden und Gutes tun – Ihre Hilfe zählt!
Jetzt Spenden und Gutes tun – Ihre Hilfe zählt!

Weitere Beiträge

Guter Hoffnung oder Ohnmacht? Pränataldiagnostik als Balanceakt

Zwischen Hoffnung, Angst und schwierigen Entscheidungen

Mehr erfahren
Die SEED-Testung

Ein hilfreiches Instrument zur Einschätzung emotionaler Entwicklung bei Menschen mit geistiger Behinderung

Mehr erfahren
Geduld & Empathie – Warum unser Alltag manchmal länger dauert

Ein Alltag mit einem Kind, das eine Behinderung hat, sieht oft ganz anders aus, als viele sich das vorstellen.

Mehr erfahren