Begleitung nach individuellem Bedarf im Team und eine Verbesserung der gleichberechtigten Teilhabe – seit September 2024 läuft das Pooling-Projekt der Lebenshilfe München und zeigt deutliche Erfolge: Für mehr Kinder kann eine Schulbegleitung Unterstützung anbieten, Fehltage werden nachhaltig reduziert und Eltern werden viel verlässlicher entlastet.
Was steckt hinter unserem Pooling-Projekt?
- Es ist nicht mehr pauschal ein Erwachsener pro Kind verantwortlich; die Schul- und Individualbegleiter:innen werden übergreifend nach Bedarf eingesetzt.
- Unsere Mitarbeiter:innen sind fester Bestandteil des Teams der Schulfamilie.
- Für die begleiteten Kinder und Jugendlichen kann der Schulbesuch besser ermöglicht werden – alle sind für alle zuständig.
- Entstigmatisierung der Kinder und Jugendlichen sowie Erhöhung der Selbstständigkeit.
Die Schul- und Individualbegleitung ist ein stetig wachsender Bereich, auch bei der Lebenshilfe München. Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die im derzeitigen Schulsystem je nach Schultyp (Förderzentren, Regelschulen, private Schulträger, Kindergärten, Horte) Unterstützung benötigen, steigt jedes Jahr.
Dabei handelt es sich nicht um eine inklusive Intervention, sondern um Unterstützung in einem System der Integration. Die Begleitung dient der Anpassung junger Menschen an tradierte, bestehende Strukturen, insbesondere im Bildungsbereich. Die UN-BRK steht für die Abschaffung der Segregation behinderter Kinder in ein differenziertes Förderschulsystem sowie für die gemeinsame, differenzsensible und ressourcenorientierte Unterrichtung dieser in Gemeinschaftsschulen und vorschulischen Einrichtungen.
Auch wir wünschen uns, dass alle Kinder gemeinsam in allen Schulen zusammen lernen. In einem Gesellschaftssystem mit umfassender Inklusion in allen Teilbereichen würden alle Beteiligten profitieren, ganz besonders die Kinder. Nur ist das Bildungssystem dafür noch nicht bereit, und so können Kinder und Jugendliche mit erhöhtem Unterstützungsbedarf oft nur „inklusiv“ dabei sein, wenn sie eine Schul- oder Individualbegleitung haben.
Das funktioniert meist gut, wenn alle gesund sind und gut miteinander kommunizieren. Leider gibt es aber auch strukturelle Probleme, beginnend mit dem Personalmangel in der Schule sowie in der Eingliederungshilfe bis hin zur Gesamtorganisation. Denn ist z. B. die Schulbegleitung mal krank, kann das Kind oft nicht in die Schule, und schon hängt die Betreuung wieder an den Eltern. Die steigenden Bedarfe junger Menschen an Unterstützung sowie die erhöhte Anzahl an Kindern mit Hilfebedarf schaffen in der Eingliederungs- beziehungsweise in der Kinder- und Jugendhilfe einen enormen Kostendruck. So wird derzeit in ganz Deutschland nach Lösungen gesucht, die Schul- und Individualbegleitung neu zu organisieren, um einerseits Kosten zu senken, andererseits jedoch auch negative Folgeerscheinungen einer Begleitung für die jungen Menschen zu minimieren.
Denn herauszustellen ist, dass kein einziger junger Mensch eine Schul- und Individualbegleitung zu Unrecht bekommt; sie ist vielmehr eine mehrfach geprüfte und notwendige Unterstützung, um gleichberechtigt Chancen in allen gesellschaftlichen Teilbereichen ergreifen zu können. Die Bewilligung einer Begleitung setzt eine umfängliche Diagnose voraus, Stellungnahmen von Einrichtungen und die Überprüfung des Anspruchs durch die pädagogischen Fachdienste bei den Kostenträgern, sodass es bei aller Kostenersparnis nicht zur Disposition stehen darf, den Anspruch dieser jungen Menschen in Frage zu stellen.
Unser langfristiges Ziel der Schul- und Individualbegleitung ist es, die Selbstständigkeit in allen Lebensbereichen der Kinder und Jugendlichen so weit zu stärken, dass sich unsere Mitarbeiter:innen langfristig im besten Fall überflüssig machen und unsere Begleiteten weitestgehend selbstbestimmt ihren eigenen Lebensweg (mit-)gestalten können. Zudem wollen wir so vielen Kindern und Jugendlichen wie möglich eine gute Begleitung bieten, in einem für die Eltern verlässlichen System.
Das Pooling-Projekt der Lebenshilfe München kann gleich mehrere Lösungen für die bisherigen strukturellen Probleme auf einmal bieten.
Mit dem Inkrafttreten des § 112 Abs. 4 SGB IX (01.01.2020) kann Schul- und Individualbegleitung im Rahmen des „Poolings“ neu organisiert werden. Die starren Grenzen der Eingliederungshilfe werden überwunden, die ursprünglich lediglich eine 1:1-Begleitung vorsehen.
Im Rahmen unseres Pilotprojekts, der Pool-Bildung an der Thea Diem Schule in Unterhaching (Förderzentrum für geistige Entwicklung) ab diesem Schuljahr (24/25), erhöhen wir die Flexibilität in der Ausgestaltung der Schulbegleitung gemeinsam mit den schulischen Akteuren und Akteurinnen. Das Schulbegleiter:innenteam ist für die derzeit 42 leistungsberechtigten Kinder und Jugendlichen da und kann bei Bedarf variabel eingesetzt werden. Der Schulbesuch kann weitgehend gewährleistet werden, und die Schüler:innen müssen nicht zu Hause bleiben, wenn etwa die vorgesehene Schulbegleitung erkrankt ist. Kinder mit hohen individuellen Bedarfen können trotzdem noch 1:1 begleitet werden. Unterstützt wird der Einsatz durch ein Koordinatorinnenteam der Lebenshilfe München vor Ort an der Schule. Das Team kennt die Bedarfe der Schüler:innen genau, kann Vertretungen individuell angepasst organisieren und mehrere Leistungsberechtigte einer Schulbegleitung zuordnen. Sehr positiv ist zudem, dass die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen der Klasse im Pool-Modell auch abgedeckt ist und zur Entstigmatisierung der begleiteten Kinder und Jugendlichen führt.
Umsetzung und Implementierung des Pooling-Projektes an der Thea Diem Schule
Herauszustellen ist, dass das Pooling an der Thea Diem Schule gute Voraussetzungen für das Gelingen von Anfang an mit sich brachte, da die gute Kooperation mit dem Bezirk Oberbayern es ermöglichte, anhand der Unterstützungsbedarfe der Schüler:innen ein, von der Anzahl her, adäquates Team zu implementieren. Zudem wurden vor dem Start des Poolings der Elternbeirat der Schule, die Schulbegleitungen sowie die schulischen Akteure in den Veränderungsprozess einbezogen. Im laufenden Schuljahr dienen seit Projektbeginn Teamgespräche mit der Koordinatorin der Lebenshilfe und der Schulleitung sowie zwischen Lehrkräften und den Schulbegleitungen, Fortbildungen vor Ort für die Schulbegleitungen sowie ein Elternabend zur Evaluation des Poolings fortwährend dazu, das Pooling im Sinne der Kinder und Jugendlichen zu optimieren und dabei alle Perspektiven einfließen zu lassen. Bei der gesamten Umsetzung konnten langjährige Erfahrungswerte der Koordinatorinnen der Lebenshilfe gewinnbringend genutzt werden. So etwa die Erkenntnis, dass für eine erfolgreiche Schulbegleitung das Wichtigste die Kommunikation zwischen Schule, Begleitung, Eltern und Kind ist.
Dank des Pooling-Projektes und den dafür eigens vorgesehenen Koordinatorinnen stellen wir in diesem Schuljahr 24/25 für 115 junge Menschen mit erhöhtem individuellen Unterstützungsbedarf eine Schul- bzw. Individualbegleitung, um im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) volle und wirksame Teilhabe in Schule und Kindergarten zu ermöglichen. Das ist ein enormer Anstieg. Zum Vergleich: Im Schuljahr 22/23 betreute die Lebenshilfe München 68 Kinder. Und dennoch können wir bei weitem nicht allen Anfragen für eine Schul- und Individualbegleitung von Eltern, Schulen, Kindergärten etc. gerecht werden, da eine immer weitere Aufnahme von jungen Menschen eine, an den Bedarf ausgerichtete, dynamische personelle Aufstockung nach sich ziehen müsste, um den Qualitätsansprüchen der Lebenshilfe München bei der Begleitung weiterhin gerecht zu werden. Trotzdem ist das Projekt ein großer Schritt in die richtige Richtung und jetzt schon, nur sieben Monate nach seinem Start, bereits ein riesiger Erfolg.
Rückenwind bekommt die Neuorganisation der Schulbegleitung über das Pooling durch die gemeinsamen Empfehlungen des Bayerischen Bezirketags und des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus zum Pooling von Schulbegleitung nach dem SGB IX an Förderschulen. Diese wurden am 13. März 2025 von der Kultusministerin Anna Stolz und dem Präsidenten des Bayerischen Bezirketages Franz Löffler an der Thea Diem Schule in Unterhaching (Förderzentrum für geistige Entwicklung) unterzeichnet. Ziel der Empfehlungen ist es, die Pool-Bildung in Bayern flächendeckend umzusetzen. Wir waren als Lebenshilfe München vor Ort!
Wir freuen uns auf viele weitere Möglichkeiten zum Pooling der Schulbegleitung im Sinne unserer Kinder und Jugendlichen.
Im Sinne von Gemeinsam. Immer. Stärker. danken wir allen Akteuren und Akteurinnen für die wunderbare Zusammenarbeit.







