Der Umgang mit Menschen mit Behinderung – kleine Erlebnisse, große Wirkung

Letzthin ist etwas passiert, das mich noch lange beschäftigt hat. Ich war mit meinem Sohn im Supermarkt. Er ist ein fröhlicher, herzlicher junger Mann mit einer geistigen Behinderung. Wer ihn kennt, weiß: Er will helfen, ist neugierig, freundlich – einfach ein echter Sonnenschein.

Während wir an der Kasse warteten, sortierte er die Abtrennungsriegel, die da so durcheinander lagen. Er drehte sie mit der Schrift nach oben und schob sie ordentlich nach vorne, damit der nächste Kunde leichter drankommt. Eine kleine, nette Geste – dachte ich.

Doch dann kam ein ziemlich unerwarteter Dämpfer.

Die Kassiererin beobachtete ihn bereits seit wir anstanden. Sie sah ihn streng an und fuhr ihn richtig unfreundlich an: Er solle das gefälligst lassen und was das denn soll. Ihr Ton war scharf, ihr Blick abwertend. Dabei hatte er weder jemanden gestört noch etwas kaputt gemacht. Er hatte einfach… geholfen. Auf seine Weise. Ich war ehrlich gesagt erstmal sprachlos – so überrascht von dieser Reaktion, dass ich nur sagen konnte, wie unangebracht ich ihr Verhalten fand. Dann habe ich einfach die Kasse gewechselt. Und ja, ich hätte gerne schlagfertiger reagiert. Vielleicht nächstes Mal.

Solche Momente tun weh. Sie machen nachdenklich. Wie oft passiert sowas wohl, wenn ich nicht dabei bin? Wenn niemand da ist, der erklärt, schützt, vermittelt?

Menschen mit Behinderung werden leider immer noch oft falsch verstanden. Gerade dann, wenn sie sich nicht gut verständlich machen können, also Sprechprobleme haben oder non-verbal sind. Meistens aus Unsicherheit oder schlicht Unwissen. Wer keine Berührungspunkte hat, weiß oft nicht, wie er reagieren soll – und dann ist Abwehr scheinbar leichter als Offenheit oder Freundlichkeit.

Aber: Es geht auch anders.

Vor ein paar Wochen hatte unser Sohn nach dem Sport seinen Rucksack vergessen. Er wusste nicht mehr, wo er ihn verloren hatte – in der Umkleide? Neben dem Auto? Beim Pommes holen? Er war richtig traurig, denn im Rucksack waren persönliche Dinge, die ihm viel bedeuten.
Wir konnten niemanden erreichen, also fuhren wir am nächsten Tag nochmal hin und gingen den Weg ab. Und dann – beim Pommes-Stand – kam der Verkäufer sofort auf uns zu.

„Ich hab deinen Rucksack“, sagte er. Er hatte ihn gefunden und aufgehoben. Einfach so. Weil er unseren Sohn kannte, weil er mitgedacht hat. Er wusste, wem der Rucksack gehören könnte.

Unser Sohn hat sich mit einem Handschlag und einem breiten Lächeln bedankt. Ein stiller, warmer Moment. Für meinen Sohn war das riesig – und für mich auch.

Es sind diese Begegnungen, die Mut machen. Die zeigen, dass es viele Menschen gibt, die offen, aufmerksam und einfach menschlich sind. Und die nicht auf Vorurteile schauen, sondern auf den Menschen vor sich.

Was wir daraus lernen können?

Man muss nicht viel tun, um einen Unterschied zu machen. Ein freundliches Wort, ein bisschen Geduld, echtes Zuhören – all das hilft, Barrieren im Kopf abzubauen. Und manchmal eben auch: einfach einen Rucksack aufheben und behalten, bis er wieder abgeholt wird.

Ja, es gibt unschöne Erlebnisse. Aber es gibt eben auch viele gute. Und ich wünsche mir, dass genau diese die Oberhand behalten. Für meinen Sohn. Und für uns alle.

© Lebenshilfe München e.V.

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